Abenteuerliche Überfahrt nach Kolumbien

29.04.23-02.05.23

Darien

Die einzige Unterbrechung der Panamericana zwischen Nord- und Südamerika ist das Darien Gap. Aufgrund des schwierigen Terrains und des nahezu unüberwindbaren Regenwaldes, ist die Straße hier für über 150 km unterbrochen. Da dieses Gebiet so schlecht zugänglich ist, gehört es zu einem der wenigen unberührten Naturreservaten der Welt. Auch Drogenbanden und Guerilla Gruppen halten sich dort auf, weshalb eine Überquerung auf dem Landweg, neben dem durchqueren des Dschungels, sehr gefährlich ist. In den letzten Jahren nutzen immer mehr Migranten das Darien Gap, um von Süd- über Zentralamerika in die USA einzuwandern. Die meisten fahren jedoch einen kleinen Abschnitt mit dem Boot, um nur einen kurzen und deutlich weniger gefährlichen Weg durch den Dschungel zu nehmen. Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Berichte von Bandenkriminalität, Überfällen oder Vergewaltigungen gegenüber den Migranten.

Ich bin von „Puerto Carti“ einem kleinen Hafen im Dschungel an der Karibikseite Panamas mit einem kleinen Boot nach „Necocli“ in Kolumbien gefahren. „Puerto Carti“ gehört zu den „San Blas Inseln“, die Heimat der indigenen Kuna Bevölkerung sind. Aber bevor ich auf die Überfahrt eingehe, war der Weg bis dorthin schon ziemlich haarsträubend und abenteuerlich.

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Von Panama City fuhr ich zunächst die Panamericana entlang in Richtung „Darein“, wo sie dann nach wenigen hundert Kilometern in der Stadt „Yaviza“ im Dschungel endet. Ganz so weit musste ich jedoch nicht fahren, sondern bog auf halber Strecke auf eine kleine Nebenstraße die Richtung Karibikküste ab. Extrem hügelig, mit kurzen aber enormen Steigungen und einem unglaublich rutschigen Untergrund, der die ganze Strecke deutlich erschwerte, fuhr oder schob ich das Rad nach „Puerto Carti“. Da von dort nur kleine Motorboote, hauptsächlich für Touristen, zu einer der 365 tropischen San Blas Inseln abfahren und nur wenige Boote nach Kolumbien fahren, gab es keinen offiziellen Fahrplan. Von unterschiedlichen Quellen erfuhr ich, dass eine Überfahrt in der Früh zwischen 6 und 9 Uhr wäre. Vollkommen ko und klitschnass geschwitzt kam ich in „Puerto Carti“ an. Dort fragte ich mich durch das Gewirr der ganzen privaten Bootsanbieter, um eine baldige Überfahrt zu organisieren. Da keiner eine Ahnung oder irgendwelche genaueren Informationen hatte, wann das nächste Boot nach Kolumbien abfahren würde, musste ich mich gedulden. Bei meinen Gesprächen mit den Leuten erfuhr ich von jedem etwas Anderes. Sogar an der Hafenadministration (ein kleines Gebäude mit einem Klemmbrett und einer Whiteboard Tafel, an der handschriftlich total durcheinander irgendwelche Bootstouren mit konfusen Zeiten angegeben waren) konnten sie mir nicht weiterhelfen. Mir wurde nur mitgeteilt, dass die Touristensaison zu Ende sei und die Boote nun nicht mehr regelmäßig fahren würden. Sie versicherten mir, dass am nächsten Morgen oder Vormittag wahrscheinlich ein Boot nach Kolumbien ablegen würde.

Hilflos, müde und immer noch total verschwitzt brauchte ich einen Ort, um mich zu waschen und etwas zu entspannen. Da an dem Hafen nichts zu finden war, fuhr ich zu den nächstgelegenen einheimischen Inseln, um dort eine Nacht im Hostel zu verbringen. Nach wenigen Minuten kam ich dort an und sah eine gefühlt bis auf den letzten Zentimeter mit Wellblechhütten bebaute und von Müll überhäufte kleine Insel. Gleich am Landungssteg befand sich das einzige, schon ziemlich heruntergekommene Betonhaus, welches sich später als mein Hostel herausstellte. Zuerst war ich geschockt als ich einen Korridor mit Reihen von Hängematten durchquerte. Ich stellte mir schon vor, in diesem stickigen Raum neben unzähligen schnarchenden Leuten zu hängen, und wahrscheinlich kein Auge in dieser Nacht zu zubekommen. Umso erleichterter war ich, als ich ein privates Zimmer mit einem verhältnismäßig großen Bett bekam. Von drei Fenstern hatte nur eines eine Scheibe und unter dem ziemlich löchrigen Dach war notdürftig eine Plane abgespannt, die verhindern sollte, dass das ganze Zimmer bei Regen unter Wasser stehen würde. Aber immerhin hatte ich einen eigenen Raum mit etwas Privatsphäre und im Vergleich zu den anderen Räumen oder dem Bad, welches nur aus einem Wassertrog als Dusche und einem total verdreckten und übel stinkendem Loch, das als Klo direkt ins Meer führte diente, war ich froh, so viel Luxus bekommen zu haben. Nur wenige Minuten nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, verdunkelte sich der Himmel und ein Tropengewitter setzte ein. Es stürmte und durch die offenen Fenster, beließen immer wieder Regenschauer ins Zimmer. Rings um das Bett tropfte das Wasser von der Decke. Immerhin war die Plane über meinem Bett dicht, sodass zumindest dieser Teil des Zimmers trocken blieb. Auch wenn diese Situation nicht gerade berauschend war, gehört dies nun eben auch zu meinem Abenteuer und zeigte mir, einfache Dinge ganz anders wertzuschätzen.

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Nach einer Stunde war das Unwetter auch wieder vorüber und ich entschied mich, die Insel etwas zu erkunden. Am Landungssteg war der Treffpunkt für alle Menschen der Insel, welche total erstaunt und auch geschmeichelt waren, dass ich seit langem der einzige Tourist auf dieser Insel wäre. Nicolas, einer der Bewohner führte mich herum und stellte mir das Leben der Menschen vor. Auf diesem engen Raum (200m x 200m) leben über 1500 Menschen. Alle waren total nett zu mir und wollten mit mir Fotos machen. Am Abend wurde ich von einigen Männern eingeladen mit ihnen zur Nachbarinsel zu fahren, um dort in der Kneipe ein paar Biere zu trinken. Der Abend war lustig, aber es war erschreckend zu beobachten, dass die Einheimischen ein ziemliches Alkoholproblem haben. Was ich traurig fand, war zu sehen, dass Frauen leider sehr abwertend behandelt werden, keinen Alkohol trinken dürfen und dann von den betrunkenen Männern herablassend behandelt werden.

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Am nächsten Tag machte ich mich wieder zum Hafen auf, um das vermeintliche Boot nach Kolumbien zu erwischen. Am Hafen kam schon gleich ein Mitarbeiter auf mich zu, der sich an mich erinnerte und sagte, dass das Boot schon in der Nacht losgefahren wäre. Eine Person sei gestorben und man hätte den Leichnam schnellstmöglich zurückbringen wollen. An diesem Tag würde nun kein Boot mehr fahren und das nächste wahrscheinlich erst in zwei oder drei Tagen kommen. Ziemlich frustriert an diesem Ort festzustecken und erstmal keine Aussicht auf eine Überfahrt nach Kolumbien zu haben, saß ich im Hafenrestaurant. Kurze Zeit darauf wurde ich von einem jungen Mann angesprochen, der mein Fahrrad sah und mich fragte, ob ich nach Kolumbien fahren wolle. Ich war ziemlich erstaunt über seine Frage. Er erzählte, dass er einmal in der Woche mit seiner Frau Waren nach Kolumbien verschiffen würde. Da auf dem Boot genügend Platz wäre und um die Fahrt wirtschaftlicher zu gestalten, würden sie mich am nächsten Morgen mitnehmen. Nun war ich wieder motiviert und voller Freude, da ich für einen sehr fairen Preis direkt nach Kolumbien kommen konnte.

Leo, der junge Radfahrer, der in der Nähe meines Heimatortes lebt und den ich auf der Baja California kennen gelernt hatte, schrieb mir wenige Tage zuvor, dass er auch auf dem Weg nach Kolumbien sei und wir uns wahrscheinlich um ein oder zwei Tage verpassen würden. Nachdem ich nun schon eine Weile vor Ort wartete und von der neuen Möglichkeit erfahren hatte, meldete ich mich bei ihm, dass wenn er sich beeile, auf dem Boot mitfahren könne. Am Nachmittag trudelte er dann auch in „Puerto Carti“ ein und war froh, dass alles organisiert war und er nicht für mehrere Tage dort festsitzen musste. Zum Schutz vor dem Salzwasser wickelten wir die Räder in Plastikfolien ein und verluden sie auf dem Boot, um dann am nächsten Tag in der Früh nach Kolumbien aufzubrechen.

Neben einem Motorschaden, der durch eine Verstopfung der Kühlwasserleitung aufgrund des Mülls im Meer verursacht wurde, und durch das Ausleihen eines Ersatzmotors schnell vergessen war, ging die Überfahrt problemlos von Statten. Nach 8 Stunden betraten wir in „Capurgana“ kolumbianischen Boden und mussten eine Nacht dort verbringen, um dann am nächsten Morgen mit dem Speedboot nach „Necocli“, einer kleinen Küstenstadt auf dem südamerikanischen Festland, zu gelangen.

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Leo war nach „Turbo“, einer Stadt 50 km weiter südlich, gefahren. Ende Mai wird er seine Tour in „Bogota“ beenden und dann in Deutschland ein Studium beginnen. Mit gerade erst 20 Jahren finde ich das ziemlich mutig von ihm, solch ein Abenteuer auf sich zu nehmen und denke, dass er Erfahrungen gesammelt hat, die ihm kein Studium oder sonst etwas lehren kann und die ihn unheimlich prägen.

In „Necocli“ erlebte ich dann die Situation der Migranten wie anfangs beschrieben, hautnah mit. Täglich kamen neue Menschen an. Die meisten davon sind Venezolaner, die sich aufgrund der miserablen Verhältnisse im eigenen Land ein besseres Leben in Zentral- oder Nordamerika erhoffen. Was mich verwunderte, war, dass auch Afrikaner und Chinesen unter den Migranten waren und solche Umwege auf sich nehmen, um in die USA zu gelangen. Meist haben sie das letzte Ersparte ausgegeben, um hier hinzugelangen und warten darauf, bis sie sich mindestens 300 Dollar für die Überfahrt erarbeitet haben, was für die Menschen ein halbes Vermögen ist. Selbst unter den Migranten wird klassifiziert. Die Schieber verlangen von den Afrikanern oder Chinesen teilweise bis zu 600 Dollar. Die Migranten müssen auch unterschiedliche Routen durch den Dschungel einschlagen, die teilweise deutlich gefährlicher sind. Die Schieber setzen die Menschen so sehr unter Druck und schlagen einen riesigen Profit für sich raus.

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Mit „Deineker“, einem jungen Venezolaner, den ich am Strand mit anderen Venezolanern kennenlernte, wollte ich ein Interview durchführen. Die Menschen waren unfassbar nett und erzählten mir von ihrer Reise und den schlimmen Verhältnissen im Heimatland. Sobald ich die Kameras aufgestellt hatte und das Interview startete, kam ein Mann auf einem Motorrad vorbei und bestand darauf, die Kameras sofort wieder auszuschalten, da ich sonst in gewaltige Schwierigkeiten geraten würde. Er dachte wohl, dass ich ein Journalist sei und wollte verhindern, dass ich mich kritisch über die Situation äußern würde. In den internationalen Medien wird kaum davon berichtet und er hat mir klar zu erkennen gegeben, dass dies auch weiterhin der Fall sein solle. Die Situation war sehr angespannt, doch die anderen am Strand versuchten mir zu helfen und die Situation zu entspannen, sodass der Motorradfahrer wieder weiterfuhr.

Erst im Nachhinein realisierte ich, wie gefährlich das hätte ausgehen können und war glücklich, dass noch einmal alles gut verlief. Nach diesem Vorfall fiel mir die Entscheidung, die nächsten Kilometer nach Medellín mit dem Bus zu fahren, sehr leicht. Mit solchen Leuten wollte ich es mir definitiv nicht verscherzen und brach gleich am nächsten Morgen auf. Ich hoffe, dass „Deineker“ und die anderen eine sichere Überfahrt nach Panama haben und wünsche ihnen alles Glück auf ihrer Reise!

 

So geht es weiter!

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