Das wahre Gesicht der Anden

Von „Pucallpa“ führte mich meine Reise weiter nach Süden. Am Tag vor der Abfahrt kontrollierte ich nochmals mein Fahrrad und stellte fest, dass einige Teile fehlten. Meine Pumpe, ein extra Rücklicht, mein „Multitool Fahrradwerkzeug“ und mein „Leatherman“ fehlten. Nach mehrmaligem Kontrollieren und Überprüfen war mir klar, dass die fehlenden Teile gestohlen wurden. Wahrscheinlich passierte es, als ich die Fahrradtaschen von Bord der Fähre trug und das Rad in der Zwischenzeit unbeobachtet war. Vielleicht wurden mir die Sachen aber auch in der Stadt gestohlen, als ich eine neue Sim-Karte holte und meine Einkäufe organisierte. An sich ist das nicht so tragisch, dennoch war es sehr ärgerlich für mich, da alles einen Wert von knapp 300 Euro hatte und die Gegenstände für meine Tour absolut notwendig sind. Anhand dieses Vorfalls wurde mir klar, noch deutlich aufmerksamer zu sein.

Auf jeden Fall sieht man hierbei eine der Schattenseiten einer Soloreise. Zu zweit kann man sich mit Einkäufen oder anderen Erledigungen abwechseln. Da kann immer eine Person auf die Fahrräder und Wertsachen achten, während die andere unterwegs ist. Als Soloreisender ist das nicht möglich, vor allen Dingen, wenn mir in Peru häufig verboten wurde, mein Fahrrad im Eingangsbereich eines Geschäftes stehen zu lassen.

Obwohl ich ziemlich verärgert war, wollte mich davon nicht unterkriegen lassen, bestellte Ersatz und ließ es nach „Cusco“ liefern, in der Hoffnung, auf meiner Strecke bis dorthin keine größere Panne zu haben und dies, obwohl nun der wahrscheinlich anstrengendste Teil meiner Tour vor mir lag.

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Die nächsten 4 Tage fuhr ich durch die schwülheiße, tropische Hitze des Regenwaldes in Richtung Süden, bis es dann steil bergauf in die Anden ging. In „Puerto Bermudez“, kurz bevor es ins Gebirge überging, fragte ich nach einer Übernachtung bei einem Hotel an. Die Besitzerin Tania fing gleich ein Gespräch mit mir an. Nachdem sie von meiner Geschichte und der Mission meiner Tour erfahren hatte, war sie so gerührt und lud mich auch eine kostenlose Nacht ein. Am nächsten Morgen organisierte sie sogar noch ein Frühstück in einem befreundeten Café. Das war super nett und eine tolle Geste. Vor allem half es mir nach dem Diebstahl wieder Mut zu finden. Es gibt eben auch einige nette und hilfsbereite Menschen.

Für die nächsten 150 km von „Puerto Bermudez“ war die Straße eine sehr schlechte Schotterpiste, die vom Dschungel ins Gebirge überging. Unfassbar anstrengend und ermüdend kam ich nur sehr langsam voran und war nach 6 Stunden Fahrt immer noch über 30 km von der nächsten Ortschaft entfernt. Gerade, als mir bewusstwurde, dass ich es an diesem Tag wohl kaum noch bis zum nächsten Ort schaffen würde, hielt kurz vor mir ein Pickup-Truck (Colectivo) an. Einige Passagiere mussten aufs Klo und da auf der Ladefläche noch Platz war, fragte ich, ob sie mich und mein Fahrrad für einige Kilometer mitnehmen könnten. Der Fahrer bat die anderen Gäste auf der Ladefläche zusammen zu rücken, sodass ich mein Fahrrad und Gepäck verstauen konnte. Ich zurrte noch gerade so das Fahrrad notdürftig mit einem Expander Band fest, als sich das Fahrzeug auch schon in Bewegung setzte.

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Kurz zusammengefasst, das war mit Abstand die extremste, schnellste, gefährlichste und anstrengendste Autofahrt, die ich jemals hatte. Der Wagen fuhr mit beängstigender Geschwindigkeit den Schotterweg entlang, durchfuhr Bachläufe, steile Serpentinenstraßen, bei der es auf der einen Seite mehrere hundert Meter nahezu senkrecht bergab ging.  Auf meinem GPS konnte ich sehen, dass wir teilweise mit über 90 km/h über die Piste hinwegfegten. Bei jedem Schlagloch war ich oder das Fahrrad kurz davor, von der Ladefläche zu fallen. Teilweise katapultierte es uns hoch in die Luft, wenn wir durch eine tiefe Bodenwelle fuhren. Einmal schleuderte es uns so stark nach oben, dass sich zwei mitfahrende Mädchen böse den Kopf am Gestänge des Fahrzeugs anschlugen. Da ich von meiner Fahrradfahrt schon sehr erschöpft und vor allem durstig war, brachte ich meine letzte Kraft auf, um mich festzuhalten. Nach 45 Minuten purer Anspannung, wollte ich schon fast aufgeben, als das Fahrzeug prompt zum Stehen kam. Eine Frau im Fahrgastraum stieg aus und musste sich übergeben. Das war meine Chance zu meiner Wasserflasche zu greifen um einen Schluck zu trinken. Außerdem befestigte ich das Fahrrad mit einem zweiten Expander Band, sodass ich ab sofort nur noch mich selber festhalten musste.

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Wenige Kilometer vor der Ortschaft gab es eine Abzweigung. Der Fahrer hielt an um mich rauszulassen und fragte, ob ich nicht noch weiterfahren wolle, weil sein Weg auf meiner Route liegen würde. Da ich mich gar nicht auskannte und mitten im Dschungel keinerlei Handynetz hatte, um zu überprüfen, ob die Strecke tatsächlich auf meiner Route lag, vertraute ich auf das Wort des Fahrers und blieb auf der Ladefläche des Autos. Immerhin ersparte ich mir so weitere 60 km auf der Schotterpiste. Was ich nicht wusste, war, dass wir weitere 3 Stunden wie die Verrückten durch den Dschungel fegen würden. Wir durchquerten die atemberaubendsten Landschaften und fuhren extrem steile Berge hinauf und hinab. Leider war ich dauerhaft so sehr damit beschäftigt nicht von der Ladefläche zu fallen, dass ich dieses Naturschauspiel nicht genießen konnte. In der Dunkelheit kamen wir dann endlich an unseren Zielpunkt an. Die Kleinstadt lag zwar überhaupt nicht auf meiner Strecke, aber immerhin führte von hier aus eine asphaltierte Straße zurück zu meiner ursprünglichen Route. Ich stieg vom Auto, begab mich zum nächstgelegenen Hotel und warf mich fix und fertig ins Bett. Kein einziges Mal auf meiner Tour war ich so erschöpft, zittrig und hatte keinerlei Energie mehr, wie nach dieser Autofahrt.

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Am nächsten Tag musste ich erst einmal 70 km durch ein Tal fahren, um wieder auf meine ursprüngliche Strecke zu gelangen. Von dort aus ging es dann die nächsten 200 km auf 4200 Meter bergauf. Fantastisch zu beobachten war, der Übergang vom Regenwald zur Wüste.

Weniger schön war der extreme Müll am Straßenrand, der sich auf meiner ganzen Route durch Peru fortsetzte. Außerdem waren einige Menschen in dieser Region sehr unfreundlich zu mir, ignorierten mich wenn ich eine Frage stellte und äußerten sich mir als Ausländer gegenüber abwertend. Zudem musste ich feststellen, dass alle Autos, teilweise vorsätzlich, wild hupend extrem nah und viel zu schnell an mir vorbeifuhren und mich mitunter stark gefährdeten. Immer wieder blieb mir auch nichts Anderes übrig, als in den Graben auszuweichen oder abzusteigen, da ich sonst gerammt oder über den Haufen gefahren worden wäre.

Drei Tage fuhr ich bis auf 4200 Meter bergauf. Von 100 Metern NN auf diese Höhe hochzufahren war definitiv kein Kinderspiel. Oberhalb von 3500 Metern wurden die letzten 700 Meter Anstieg zum absoluten Kampf. Nach wenigen Metern der Anstrengung, war ich immer wieder so erschöpft, dass ich ständig Pausen einlegen musste. Permanent hatte ich Schwindel und das Gefühl, nicht mehr genügend Luft zu bekommen. Ich unterschätzte das total, da ich zuvor bis Ecuador kaum Probleme mit der Höhe gehabt hatte. Nach den 2 Wochen im Amazonasregenwald hätte ich mir einfach mehr Zeit zur Akklimatisierung nehmen müssen. Trotzdem kämpfte ich mich weiter bergauf und sobald ich Oben angekommen war, ging es mir deutlich besser.

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Hier erwartete mich eine traumhafte Hochebene und ich entschied mich, die Nacht dort im Zelt zu verbringen. Sobald die Sonne untergegangen war, wurde es schlagartig eiskalt. Ab 19 Uhr hielt ich es nur noch im Schlafsack komplett mit meiner Kleidung eingepackt aus. In dieser Nacht fiel die Temperatur auf unter -10°C im Zelt. Das eine oder andere Mal erwachte ich wegen Luftnot und musste mich beruhigen, langsam und tief zu atmen. Ich musste mich ziemlich zusammenreißen, die Ruhe zu bewahren. Irgendwann hatte ich meinen Atemrhythmus gefunden und schlief wieder ein.

Trotz dieser Schwierigkeiten war die Nacht auf der Hochebene ein absolutes Highlight. Dieser fantastische Ausblick und diese Totenstille, machten diesen Ort zu etwas ganz Besonderem. Als ich am nächsten Morgen fertig war um aufzubrechen, kam ein Landwirt vorbei, der mich von der Ferne gesehen hatte. Er bat mich ihm zu helfen, seinen LKW anzuschieben, da über Nacht die Batterie ausgefallen war. Wir versuchten vorbeifahrende Autos anzuhalten, die uns helfen sollten, aber keines hielt an, stattdessen fuhren sie uns beinahe über den Haufen. Enttäuscht über die geringe Hilfsbereitschaft Anderer, brachten wir den LKW nach mehreren Anläufen doch zum Laufen. Trauriger Weise herrscht in Peru eine absolute Skepsis gegenüber Fremden, was womöglich auch an der angespannten politischen Lage der letzten Jahre liegen kann.

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Mein Weg ging weiter nach „Huancayo“, wo ich ein paar Pausentage einlegte. Da der Verkehr in der Stadt so extrem und die Fahrer absolut rücksichtslos waren, bekam ich Angst angefahren zu werden. Das machte mich erschöpft und ziemlich gereizt, da nach meiner Hirntumoroperation viele Einflüsse, wie beispielsweise der Verkehr und das dauerhafte Hupen der Fahrzeuge, mich mental schnell überfordern. Deshalb war die Fahrt durch die Stadt alles andere als ein Spaß. Überfrachtet von Einflüssen, freute ich mich, ein paar Tage meine Ruhe zu haben, um erst einmal wieder Energie tanken zu können.

Die Tage in „Huancayo“ verbrachte ich im „Hospedaje von Liliana“. Das war wieder mal eine absolut inspirierende Begegnung. Liliana ist eine wahre Powerfrau, die vor einigen Jahren ihr Bein bei einem Unfall verlor. Trotz Einschränkungen und als  allein erziehende Mutter,  konnte sie Nichts davon abhalten, ihr eigenes Hotel zu eröffnen.

Ich fühlte mich sehr geehrt, dass mich Liliana als große Inspiration betrachtete. Solche Geschichten, wie meine, geben ihr Mut und Kraft weiter zu machen. Mithilfe des Hotels, erhofft sie sich im nächsten Jahr genügend Geld erarbeite zu haben, um sich eine Prothese leisten zu können. Ihr Wunsch ist es, mit ihren Kindern wieder ungehindert Ausflüge zu machen. Das hat mich sehr berührt. Es ist so unglaublich schön zu sehen, wie meine Reise und meine Botschaft, gerade auch Menschen wie Liliana motivieren und ermutigen.

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Von „Huancayo“ ging es zum höchsten Punkt meiner „Panamericana Tour“. Ich musste einen nahezu 4700 Meter hohen Pass überwinden. Mehrere hundert Meter weiter unterhalb zeltete ich und hatte ich mit -15/-17 °C (ich konnte es an meinem Thermometer nicht genau ablesen, jedenfalls war es A….kalt)  im Zelt die kälteste Nacht meiner Tour. Das war mit Abstand das Kälteste was ich bis dahin erlebt hatte.

Von dort aus führte mich der Weg knapp 200 km bergab bis zur Pazifikküste. Nie im Leben hätte ich erwartet, was auf mich zukommen würde. Hier zeigte sich Peru von seiner spektakulärsten Seite. Die Natur war einfach atemberaubend. Vorbei an Lama Herden ging es in ein schmales, steiles Tal. Die Landschaft wurde immer wieder unterschiedlich vom Wasser geformt. Die steilen Schluchten verwandelten sich zu einem gigantischen Canyon. Der Gebirgsbach hatte das grünblaue Schimmern eines strahlenden Smaragdes. So etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen. Gepaart mit den schneebedeckten Bergen, kam ich nach jeder Straßenkurve erneut ins Staunen. Wenn Peru eines hat, dann ist es eine atemberaubende Natur!

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Nach 200 km an der Pazifikküste angekommen, folgte der absolute Kontrastwechsel. In der Stadt „San Vincente de Canete“, ca. 150 km südlich von Lima, herrschte wieder ein extremes Verkehrsaufkommen. Typisch für die meisten Städte Perus sind unfertige Häuser, welche im Rohbau bewohnt werden. Außerdem fällt die teilweise extreme Armut der Bevölkerung und die Müllberge entlang der Straßen auf. Besonders an der Pazifikküste war das Müllproblem immens. In dieser wüstenartigen Landschaft finden sich unzählige halbfertige Geistersiedlungen die unbewohnt schienen. Immer wieder stank es zum Erbrechen, wenn gigantische Müllhaufen verbrannt wurden und wilde Hunde noch nicht brennende Säcke mit verwesenden Fleischabfällen durchwühlten.

So führte mich mein Weg entlang der „Panamericana“ immer weiter in die Wüste nach „Ica“. Immerhin verliefen die 200 km auf der neu angelegte „Panamericana“, die zur Autobahn mit sehr breitem Seitenstreifen ausgebaut wurde. So konnte ich diese Gegend sehr schnell verlassen. Nahe „Ica“ befindet sich die „Oase Huacachina“. Faszinierend ist, wie hier mitten in der Wüste Wasser und Leben vorhanden sind. Von „Ica“ aus führte mich mein Weg weiter in den Süden nach „Nazca“ und von dort aus wieder steil bergauf auf über 4500 Meter.

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Kurz vor den berühmten „Nazca-Linien“ färbte sich die ganze Wüste in ein tiefes Rot. Über mehrere Kilometer wurden Chilischoten zum Trocknen verteilt. Sogar die Luft roch nur noch nach Chili.

Gleich nach den Chilifeldern ging es in eine höhergelegene Ebene über. Hier befinden sich auf mehreren Hundert Quadratkilometern die berühmten „Nazca-Linien“. Vom Boden aus sind nur einzelne Linien auszumachen, aber aus der Luft oder den nahegelegenen Bergen sind gigantische Bilder zu erkennen. Für vorbeifahrende Touristen wurde ein Aussichtsturm errichtet, von dem immerhin drei der vielen Bilder zu erkennen sind. Vor über 2000 Jahren wurden diese Bilder und teilweise, wie mit dem Lineal gezogenen Linien von der Nazca Kultur in den Wüstensand gezeichnet und erstrecken sich über eine gigantische Fläche. Wie haben die Menschen vor über 2000 Jahren solche Kunstwerke erschaffen? Das bleibt bis heute ein Rätsel. Die deutsche Physikerin Maria Reiche widmete über 40 Jahre ihres Lebens in der einsamen Wüste, diesem Mysterium der „Nazca-Linien“ auf die Spur zu kommen. Absolut erstaunlich ist, wie diese Linien, trotz der Jahrtausende, immer noch so gut erhalten sind!

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Da mein Vorderrad schon seit „Huancayo“ gefährlich gewackelt hat und sich herausstellte, dass die Kugellager ausgeschlagen waren, wurde mir empfohlen nur noch im Notfall weiter zu fahren und die Kugellager so schnell wie möglich zu wechseln. Der nächste Fahrradladen, der genau meine Kugellager bestellen konnte, war in „Cusco“. Von „Nazca“ aus, konnte ich für 200 km mit dem LKW-Fahrer Jamie mitfahren. Auf unserer Fahrt brachte er mir ein paar Wörter in „Quechua“, der indigenen Sprache der Andenbevölkerung bei. Auch wieder besonders an unserer Begegnung war, dass seine jüngste Tochter nach einer Erkrankung körperlich schwerbehindert ist. Geistig kann sie zwar alles wahrnehmen aber leider nur über die Augen kommunizieren. Jamie arbeitet so hart er kann, um seiner Tochter Therapien zu ermöglichen, was leider für die normale Bevölkerung Perus kaum finanziell zu tragen ist. Er versucht deshalb Sponsoren zu finden, damit seine Tochter immerhin regelmäßig therapiert werden kann. Jamie ist fest davon überzeugt, dass seine Tochter durch die nötige Therapie wieder zu einem normalen Leben zurückfinden kann. Was mich zudem auch sehr berührt hat, war, dass Jamie vor der Erkrankung seiner Tochter, laut seiner Meinung, ein sehr schlechter und ignoranter Mensch, Ehemann und Vater war. Durch die Erkrankung fand er über Jahre hinweg den Glauben zu Gott und änderte seitdem sein ganzes Leben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schwere Schicksalsschläge einen Menschen zum Positiven verändern können.

Nach 200 km setzte mich Jamie mitten im Nirgendwo auf 4300 Metern ab. Er musste die Hauptverbindungsstraße verlassen, um zu einer Kupfermiene zu gelangen. Laut ihm ging es nur etwa zwei Stunden mit dem Fahrrad in die nächstgelegene Stadt. Von dort aus könne ich dann den Bus nach „Cusco“ nehmen. Außerdem würde es hauptsächlich bergab gehen. Die peruanischen zwei Stunden stellten sich als eine über 100 km weite, 6-stündige Fahrt heraus. Es war zwar wunderschön aber auch extrem kalt. Der kleine Anstieg ging auf 4500 Meter hoch und zog sich ewig. Auf der Hochebene gab es bis auf kleinste Gehöfte mit großen Lama-/Alpaka-Herden nichts außer Einsamkeit und raue, wunderschöne Natur. Das Fahrradfahren war extrem anstrengend. Um auf die 4500 Meter zu kommen, fühlte es sich an, als würde ich 2000 Höhenmeter an einem Stück fahren.

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Neben den Lamas und Alpakas, die domestiziert werden, leben hier in kleinen Gruppen, die sehr scheuen und unter Artenschutz stehenden Vicunas.

Am Abend traf ich in der Stadt „Chalhuanca“ ein und war Gott froh, dass es mein Vorderrad, trotz gefährlich klingender Kratzgeräusche, bis dahin überstanden hatte.

Am nächsten Morgen nahm ich den Bus nach „Cusco“ und brachte das Fahrrad gleich am nächsten Tag zur Fahrradwerkstatt, mit der ich schon seit längerem im Kontakt stand. Da das Fahrrad zur Reparatur drei Tage in der Werkstatt bleiben musste, nutze ich die Zeit, um die Stadt zu erkunden und einen Ausflug zu den „Palccoyo-Rainbowmountains“ zu machen. Auf knapp 5000 Metern beeindruckte mich eine Berglandschaft, so gigantisch und atemberaubend, als wäre es von einer anderen Welt. Mehrere Bergrücken verfärbten sich durch die jahrelange Oxidation der verschiedenen Mineralien in regenbogenartige Schichten. Erst durch das Abschmelzen der Gletscher sind die Berge seit wenigen Jahrzehnten entdeckt worden.

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Nachdem ich nun mittlerweile über ein Jahr unterwegs war und zudem Peru durch die extremen Einflüsse, den gefährlichen Verkehr und die vielen Berge für mich sehr herausfordernd geworden war, hatte ich einen ziemlichen Durchhänger und ein großes Motivationstief. Irgendwie hatte ich keine Lust mehr auf neue Orte, Erlebnisse und weitere Herausforderungen.

Ich fühlte mich nicht gut, die Höhe und meine mittlerweile stark begrenzte Reisekasse strapazierten meine Nerven zusätzlich. Vor dem Start meiner Tour war ich davon ausgegangen, nur etwas länger als ein Jahr unterwegs zu sein. Durch die vielen tollen Begegnungen, die Einladungen der Menschen und auch der verschiedenen Fernsehsender, war die Tour viel größer und umfangreicher geworden, als ich es jemals erwartet hätte. Das Wichtige bei einer Reise ist es für mich, sich Zeit zu lassen und nicht in Eile zu sein. Das führte natürlich dazu, dass das Reisebudget nun stark eingeschränkt war.

Ein langgehegter Wunsch von mir war es, die berühmte Inkastätte „Machu Picchu“ zu besuchen. Da es als berühmteste Touristenattraktion Südamerikas schnell 200 Euro kostet, war es mit meiner finanziellen Situation nicht zu vereinbaren. Das ärgerte mich natürlich.

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In Gesprächen mit anderen Reisenden stellte sich heraus, dass es aktuell ziemlich schwer sei nach „Machu Picchu“ zu kommen ohne mehrere Tage im nahegelegenen Ort „Aguas Calientes“ auf den Eintritt zu warten. Außerdem sei es mit 1000 Touristen am Tag sehr überlaufen. All das hielt mich schlussendlich davon ab dorthin zu fahren. Letztendlich war das dann eine richtige Erleichterung.

Zudem fiel es mir, nach über einem Jahr auf Reisen, immer schwerer getrennt von meiner Freundin zu sein. Ich finde, dass wir für die Distanz das absolut Beste aus der Beziehung machen und versuchen so viel Kontakt wie möglich zu halten. Jedoch ersetzt das Telefonieren oder hin und wieder eine Videotelefonie keinen physischen Kontakt. So war nach einem Jahr ein Punkt erreicht, an dem wir uns sehr vermissten und in der Routine des Telefonierens nicht immer alles aussprachen was uns auf der Seele lag. Da ich wieder mehr Zeit und Ruhe hatte, führten wir nun ausführlichere und sehr tiefe Gespräche. So hatten wir die Möglichkeit, alles anzusprechen, was sich in den letzten Wochen angestaut hatte. Ich bin Susanne überaus dankbar, dass sie mich und meine Tour so sehr unterstützt. Wunderschön ist, dass wir immer alles ansprechen können. Außerdem hat Susanne die Fähigkeit sehr gute Fragen zu stellen, die sehr zum Reflektieren anregen. Das führte dazu, dass mir wieder bewusstwurde, aus welchen Gründen ich die Tour mache und dass ich mich nicht unter Druck zu setzten brauche. Das war richtig schön, weil wir danach wieder viel verbundener waren. Zudem hatte ich Gespräche mit meiner Familie, die mir wieder eine neue Perspektive gaben.

Nach ein paar Tagen der Ruhe und der Reflektion besserte sich meine Laune deutlich und ich war wieder motiviert meine Tour fortzusetzten.

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Eine berührende Begegnung in „Cusco“ hatte ich mit Robert. Die Partnerschule von der Sprachschule, die ich in Guatemala besuchte und mit der ich in Kontakt stand, veranstaltete einen Sprach-Tandem Abend. Hierbei lernte ich Geraldine kennen, deren Bruder ehemaliger Hirntumorpatient ist.

Da sie sehr berührt von meiner Geschichte war, bat sie mich, mit ihrem Bruder zu sprechen, um ihm eine neue Perspektive zu zeigen.

Gleich am nächsten Tag traf ich mich mit Robert und freute mich sehr auf unser Gespräch und den Austausch.

„Oft habe ich das Gefühl, dass mich meine Familie gar nicht versteht. Sie denken ich bin faul und habe keine Lust mich mit ihnen auseinander zu setzen…

Leider sehen sie nicht, dass ich ziemlich häufig müde und erschöpft bin und in diesen Momenten nichts mehr aufnehmen kann.

Ich mag meine Familie aber ich brauche auch viel Zeit für mich. Wenn ich angestrengt oder erschöpft bin, neige ich dazu, gereizt zu sein und sage verletzende Sachen, die ich eigentlich gar nicht so meine…“.

So war ungefähr der Wortlaut von Robert bei unserem Treffen.

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Robert ist auch ehemaliger Hirntumorpatient und genauso, wie bei mir, wurde ihm ein Tumor mit 15 Jahren entfernt. Zwei Jahre später folgte eine zweite Operation, da sein Hirndruck schnell sehr stark angestiegen war. Nach mehreren Monaten im Krankenhaus und einer Reha, kam er ohne große motorische Einschränkungen wieder nach Hause. Was natürlich keiner sah, waren die extremen mentalen Probleme und Herausforderungen. Im Laufe der Jahre hat er sich wieder zurück gekämpft. Die geistige Überlastung ist jedoch geblieben. An manchen Tagen kann er besser damit umgehen als an anderen.

Ich kann Robert zu 100% verstehen. Fast jedes Problem was er beschrieben hat kenne ich auch.

Nach meiner Hirntumoroperation war meine Strategie jahrelang meine Gefühle zu unterdrücken und so gut es ging zu funktionieren. Ich habe mir viel zu wenig Ruhe gegönnt, weil ich nicht als anders oder komisch angesehen werden wollte. Das ging immer nur eine gewisse Zeit lang gut, bis ich total erschöpft war, extremste Kopfschmerzen hatte und nur noch Ruhe und vor allem viel Schlaf brauchte. Häufig war ich ein paar Tage krank, einfach, weil mein Körper wieder Energie tanken musste und ich mir nur dann eine Auszeit genehmigte. Mein Zusammenbruch/Burnout, den ich vor ungefähr 1,5 Jahren hatte, war wahrscheinlich das schlussendliche Resultat daraus. Der Austausch mit anderen Betroffenen, vor allem über meine Gefühle oder Herausforderungen zu sprechen half, dass vor allen Dingen ich mich selbst besser verstehen kann.

Seitdem ich mich im Zuge der Tour mit anderen Hirntumorpatienten austausche, lerne ich unfassbar viel für mich dazu und erfahre Dinge, die mir kein Arzt erzählt hat oder die ich ohne den Austausch mit anderen je erfahren hätte. Deshalb habe ich Robert von meinen Erfahrungen berichtet, um ihm an meinem Beispiel zu zeigen, wie wichtig es ist offen über seine Gefühle/Herausforderungen zu sprechen. Erstmal kann niemand, der nicht etwas Ähnliches hatte, nachvollziehen, wie es einem geht und zweitens können dich Außenstehende erst dann verstehen, wenn du offen damit umgehst.

Ich hoffe, dass Robert offener mit seiner Familie umgeht und sie im Gegenzug auch das entsprechende Verständnis für ihn aufbringen.

 

So geht es weiter!

 

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7 Kommentare zu „Das wahre Gesicht der Anden“

  1. Christiane und Reinfried

    Hallo Darius, ich habe zwar noch keine Verbesserungsvorschläge, möchte aber dafür ein positives Feedback geben. Du hast spannend geschrieben, so dass ich mir vorstellen kann, wie du dich in den Situationen gefühlt hast. Auch die Schilderung deiner Gefühlslage ist interessant, weil man sich als Zuschauer fragt, wie du mit der Dauer der Reise und der Gefahrenlage klar kommst. Ich wünsche dir weiterhin eine spannende Reise mit wenig oder gar keinen Gefahrensituationen.
    Liebe Grüße von Christiane aus Essen ( zurzeit in Trier).

  2. Super! Deine Beiträge werden immer spannender und sind echt interessant und informativ.
    Es ist toll was du machst.
    Mich würden noch Dinge , wie wo und was isst du auf der Tour, wie kannst du dich waschen, … interessieren.
    Danke, dass du das alles machst.

  3. Hi ich bewundere dich bei all deinen Abenteuern die du erleben kannst auf deiner Reise! Ich hoffe das letzte Viertel deines Weges kannst du auch noch genießen und erlebst wunderbare Eindrücke! LG Cassian

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