Von San Diego bis La Paz über die Baja California

5.Etappe 10.11. – 30.11 1654 km 11.400 M ↑ 11.600 M↓, 79 h

Die Tour scheint wie als hätte sie neu begonnen. Ein neues Land, eine neue Sprache und eine neue Kultur warteten auf uns. Zusammen mit meinem “Baja-Buddy” erlebte ich auf den 1600km einige Abenteuer und knüpfe tolle Kontakte.

Mit dem Grenzübertritt nach Mexiko hat meine Tour für mich nochmal neu begonnen. Eine komplett neue Kultur wartete auf mich und auch die Natur hat sich stark verändert.

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Am Morgen des 10. November machten wir uns auf den Weg zur mexikanischen Grenze und waren etwas nervös und sehr gespannt darauf, was uns auf der anderen Seite der berüchtigten “Mauer” erwartete.

Die Grenze selbst sieht so bedrohlich aus, wie man es erwarten würde – Zäune, Mauern, Stacheldraht und überall Kameras. Es stellte sich heraus, dass der schwierigste Teil des Grenzübertritts darin bestand, mit unseren Fahrrädern durch die Drehkreuze zu kommen! Ansonsten waren alle sehr freundlich und hilfsbereit, und wir kamen problemlos durch.

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Tijuana gilt als eine der gefährlichsten Städte Mexikos, und so waren wir sehr darauf bedacht, schnellstmöglich durch die Stadt zu kommen. Nach dem Pacific Coast Highway gehört definitiv der Nachmittag von Tijuana zur Küste, entlang einer stark befahrenen Schnellstraße ohne Seitenstreifen, zu den gefährlichsten Momenten meiner Tour. Die Autos fuhren mit über 120 km/h teilweise nur wenige Centimeter an uns vorbei. Der Adrenalinspiegel war hoch und so waren wir sehr erleichtert, dass wir es unbeschadet aus der Stadt herausgeschafft hatten.

In unserer ersten Nacht in Mexiko übernachteten wir in Rosarito im Garten unserer ersten Warm Showers Gastgeberin. Am nächsten Morgen ging Ix Chel mit uns in die Stadt zu unserem ersten richtigen mexikanischen Frühstück. Es gab unteranderem Nopales, gedünstete Kakteen mit Eiern, die mich ein wenig an saure Bohnen erinnerten. Generell isst man in Mexiko schon zum Frühstück warm und sehr reichhaltig.

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Nachdem schon der erste Tag in Mexiko etwas stressig war, folgte nun an diesem Tag ein Drama nach dem anderen. Kurz nach der Mittagspause fuhren wir an einer Baustelle vorbei, als ich es schaffte, mit dem Hinterrad direkt über einen großen Klumpen heißen Asphalts zu fahren. Dieser klebte am Reifen, schmolz und zerstörte das Ende des Schutzblechs und war eine riesen Sauerei!

Für die Straßenbauarbeiter war das eindeutig der Höhepunkt ihres Tages. Sobald wir anhielten, eilten sie alle zu Hilfe und entfernten den Asphalt vom Reifen, schnitten das geschmolzene Stück Schutzblech ab, säuberten den Reifen und benutzten ein Stück Draht, welches sie von einem nahegelegenen Zaun herausgeschnitten hatten, um das verbleibende Schutzblech zu befestigen. Die mexikanische Art etwas zu reparieren!

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 Kurz vor unserem Ziel in Ensanada, das wir aufgrund der Verspätung nun erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichten, fuhr ich zu allem Überfluss noch über einen großen Nagel. Nachdem ich den Schlauch gewechselt hatte, ging die Sonne unter und wir hatten in der Dunkelheit eine haarsträubende Fahrt zu unserem nächsten Warm Showers Gastgebern, bei denen wie herzlich empfangen wurden.

Von Ensanada aus ging es in Richtung Osten, weg von der Küste, in die Berge. Die ersten Kilometer bergauf ging es vorbei an unzähligem Müll, toten Hunden und Eseln, die am Straßenrand wahrscheinlich von einem Auto oder LKW angefahren wurden.

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Die Wüste der Baja California ist wunderschön und abwechslungsreich. Von Norden nach Süden durchfuhren wir täglich neue Mikroklimate und hatten von Steppensträuchern über Kakteenwäldern, Vulkanlandschaften, Boojum trees, mit Blumengespickten Wüstensand, Oasen, sowie wundervoller Küstenlandschaften entlang des strahlend blaues Meeres.

Nahezu jeden Tag Zelteten wir abseits der Straße mitten im Nirgendwo. Das war ein pures Naturerlebnis. Kurz nach Sonnenuntergang und im Morgengrauen heulten die Kojoten in der Wüste. Hunderte von Truthahngeiern schwebten über uns, als warteten sie nur darauf, dass wir die nächste Wasserstelle nicht mehr erreichen.

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Die BOOJUM-Bäume die weltweit nur im zentralen Gebiet der Baja wachsen, sind seltsam aussehende Pflanzen, die in allen möglichen Variationen mit unterschiedlich vielen Ästen in alle Richtungen wachsen und lila Blüten haben, die aus der Spitze sprießen.

Jo war so begeistert, dass sie gefühlt von jedem Boojum-Baum auf der Baja ein Foto gemacht hat.

Ein weiterer Favorit war, der mit lila Blumen übersäte Wüstenplatz, an dem wir eine Nacht verbrachten. Eine Märchenwelt à la Alice im Wunderland.

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Das Zelten in der Wüste hatte allerdings auch ein paar Schattenseiten. An einigen Stellen konnten wir uns kaum bewegen, ohne dabei von Stacheln gespickt zu werden. Häufig haben wir morgens viel zu viel Zeit damit verbracht unsere Socken, Schuhe, Reifen, usw. von diesen nervigen Stacheln zu befreien. Und dann ist da noch der Sand, der überall dahin kam wo wir es nicht gebrauchen konnten.

Wir hatten auch einen schlechten Campingplatz in der Nähe der Stadt Guerrero Negro auf der Westseite der Halbinsel gewählt. Man hatte uns zuvor davor gewarnt, in der Nähe von Häfen zu campen, und der Verkäufer, bei dem wir in der Stadt Fisch-Tacos kauften, sagte uns, dass dies nicht die sicherste Gegend zum Campen sei… Hätten wir doch lieber auf die Einheimischen gehört!

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Jedenfalls waren wir zu müde und zu faul nach einem anderen Platz zu suchen und zelteten an einem schon von weitem einsehbaren Strand, am Rande offener Salzsümpfe. Hier versteckten wir uns hinter einem verlassenen Fischerboot, um etwas Schutz vor dem Wind zu finden. Gerade als wir einschliefen, hörte Jo ein Motorrad auf dem Weg in unsere Richtung fahren und rief zu mir: „OH NO!, DARIUS WAKE UP! SOMEBODY IS HERE!“

Als ich zu mir kam, hörte ich wenige Meter vom Zelt entfernt, das Knattern eines Motorrades, das langsam zum Stillstand kam und minutenlang den Scheinwerfer direkt auf unsere Zelte richtete. Wir saßen beide erschrocken in unseren Zelten, bis das Motorrad wendete und den Weg hinauffuhr. Ich steckte den Kopf aus dem Zelt, um zu beobachten, wohin das Motorrad fahren würde. Das Gefährt entfernte sich langsam und nach wenigen hundert Metern ging das Licht und der Motor aus. Plötzlich war es mucksmäuschen still und stock dunkel. … Jo und ich gerieten in Panik! Wir hockten beide in den Eingängen unserer Zelte und beobachteten, wohin das Motorrad gefahren sein könnte. Jo hatte ihren Bärenspray und ihr Satellitentelefon mit dem SOS-Knopf in beiden Händen.

Nach mehreren Minuten sahen wir etwas entfernt das Licht des Motorrades am Ende des Strandes schimmern. Auf dem Motorrad saßen zwei Männer und nachdem es angehalten hatte, stieg einer von ihnen ab, schaltete seine Stirnlampe an und begann, in einem ziemlichen Tempo durch die Sümpfe zu huschen. Er kam auf uns zu, dann wieder weg, dann wieder auf uns zu, usw. Irgendwann rannte er direkt auf unsere Zelte zu und blieb etwa 20 m von uns entfernt stehen, nahe genug, dass wir ihn und sein Gesicht sehen konnten. Sowohl Jo als auch ich hätten fast beschlossen, unsere Anwesenheit zu verkünden und aufzustehen. Wir blieben jedoch beide ruhig und in Windeseile entfernte sich der Mann wieder und kehrte zu seinem Motorrad zurück. Dann folgte die gleiche Episode, aber diesmal mit dem Motorrad, das über die Sümpfe um uns herum ratterte, bis es schließlich abdrehte und von uns weg in Richtung Stadt fuhr. Eine riesige Erleichterung, dachten wir zumindest, als im selben Moment am weitentfernten Ende der Straße ein Pickup Truck immer näherkam und etwa 400 Meter entfernt mit laufendem Motor und brennenden Scheinwerfern am Ende des Weges stehen blieb. Etwa 45 Minuten lang änderte sich an der Situation nichts. In der Zwischenzeit machte ich mich in der Dunkelheit auf, das Fischerboot hinter den Zelten, zu untersuchen. Es könnte ja sein, dass in dem verlassenen Boot Drogen versteckt waren, und die Leute auf dem Motorrad oder dem Auto daran wollten. Glücklicherweise waren keine zu finden und irgendwann fuhr auch das Auto wieder in Richtung Stadt davon.

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Wer weiß, was sie mitten in der Nacht in den Sümpfen taten oder suchten??? Auf jeden Fall war es ziemlich aufregend. Ich muss wahrscheinlich nicht erwähnen, dass ich die restliche Nacht kaum ein Auge zu gemacht habe und beim kleinsten Geräusch in Alarmbereitschaft war.

Als ich das erste Mal ernsthaft darüber nachgedacht habe, die Panamericana mit dem Fahrrad zu fahren, glaubte ich noch, einer von ganz Wenigen zu sein, der diese Tour mit dem Fahrrad bestreitet. Nach den ersten Recherchen wurde mir bewusst, dass diese Strecke ein Traum von vielen Menschen ist.
Nichts desto trotz, bin ich ziemlich überrascht gewesen, wie viele Radreisende ich bisher angetroffen habe. Besonders hier auf der Baja California. An einem Tag trafen wir eine ganze Gruppe anderer Radfahrer mit denen wir zusammen an einem felsigen Vulkanstrand campten und am nächsten Morgen eine coole Party feierten.

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Auf unserem Weg trafen wir auf Chase aus Whistler in Canada, der hinter einem Busch an der Straße hervorkam, als wir vorbeifuhren. Wir verstanden uns gut und so schloss er sich uns an. Wir wurden für die letzte Woche der Baja zu einer Dreiergruppe.

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In Ciudad Insurgentes eine kleine Stadt am zweitlängsten geraden Straßenabschnitt der Welt (168 km) trafen wir auf Chris aus Canada, sowie Henk und Antonita, einem wundervollen Ehepaar aus den Niederlanden.

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Vollkommen vom Glauben abgefallen bin ich, als ich dann den 19-jährigen Leo vom Bodensee getroffen habe, der nur 40 km von meinem Heimatort entfernt lebt. Die Welt ist eben doch nur ein Dorf!

Nach 3 Woche und etwa 1600 km durch die Wüste, kamen wir in La Paz, der Hauptstadt der Baja California Sur, an.

Dort machten wir uns direkt auf den Weg zu der berühmten Warm Showers Gastgeberin Tuly, wo wir uns mit neun anderen Radfahrern in ihrer Garage niederließen. Es war ziemlich eng, aber hat viel Spaß gemacht. Wir organisierten Ausflüge, Spieleabende oder gingen zusammen ins Kino.

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Ich hatte wunderbare Begegnungen aus denen Freundschaften entstanden. Obwohl Jo und ich anfangs nur die ersten Tage der Baja zusammenfahren wollten, radelten wir am Ende die gesamten 1600 km zusammen bis nach La Paz. Hier trennte sich dann auch der Weg der “Baja Buddys” da sich Jo inzwischen ins Landesinnere von Mexiko aufmachte, um dort mit anderen Radfahrern Weihnachten zu feiern. Ich bin mir sicher, dass wir uns früher oder später auf der Tour nochmal sehen und vielleicht ein paar Kilometer der Strecke teilen werden.

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In der letzten Woche bevor mich meine Freundin Susanne über Weihnachten und Neujahr besuchen kam, lebte ich bei Marc, Amelie und ihren Jungs Zeph und Rocco. Marc ist ein guter Freund, der Familie, bei der ich in San Francisco lebte. Die Vier leben mit zwei Katzen auf ihrem Segelboot in der Marina von La Paz. Meine Übernachtung auf dem Boot war eine coole Erfahrung aber definitiv keine Lösung für einen 2 Meter Mann wie mich. Die letzten Tage übernachtete ich im Büro der Familie, das direkt am Malecón (Uferpromenade) lag, sodass ich jeden Morgen ein kurzes Erfrischungsbad im Meer nehmen konnte.

 

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