Die Klarheit der Wahrheit

 


In der Vergangenheit graben,
alles an die Oberfläche holen
und verarbeiten
 
 
Hör´auf dein Herz, es wird dich leiten...
 
Sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, körperliche Misshandlungen aber auch ein Unfall, Trennungen oder Verlust eines geliebten Menschen können zum Trauma werden. Feststeht, dass solche Erfahrungen das ganze Leben beeinflussen. Oft sind uns diese Erfahrungen bewusst, aber manchmal ist es so, dass eben diese Erlebnisse - vor allem wenn sie in der Kindheit stattfinden - vom Kind verdrängt oder vollkommen abgespalten werden. Ja, es tritt in vielen Fällen sogar eine komplette Amnesie auf, die aber meist lediglich diese Erlebnisse betrifft, vor allem wenn die Erfahrungen in sehr früher Kindheit stattfinden. Denn nur so hat das Kind die Möglichkeit, all das seelisch zu verkraften und zu überleben.
Allerdings ist diese Überlebensstrategie auch nur begrenzt möglich, da die Erlebnisse in Wirklichkeit nicht vergessen, sondern lediglich verdrängt und verleugnet sind. Im Inneren brodeln somit psychische Belastungen, die den Körper auf Dauer krank machen und somit meist auch psychosomatische Beschwerden mit sich bringen.
 
Im Inneren brodelt ein Feuer

Das heißt: würde zum Beispiel bei sexuellem Missbrauch in der Kindheit früh genug von außen eingegriffen, wäre eine Schadensbegrenzung besser und schneller möglich, als nach etlichen Jahren oder Jahrzehnten. Doch die meisten Missbrauchsopfer z.B. können aus den unterschiedlichsten Gründen nicht über ihre Erlebnisse reden. Erst, wenn der Körper sich mit psychosomatischen Beschwerden oder Krankheiten, für die es keine offensichtliche Ursache gibt, wehrt, und diese Beschwerden eine Auszeit erzwingen, erst dann kommt bei vielen Betroffenen der Punkt, sich Gedanken zu machen und die Ursache in der Vergangenheit zu suchen; oft auch erst durch gezielte Fragen des Arztes.

Ich habe das Glück gehabt, einen Arzt zu finden, der sich äußert vorsichtig und mit dem entsprechenden Feingefühl meiner Vergangenheit näherte. Gezielt geführte Gespräche waren nötig, Gespräche, die immer weiter zurückführten - unterstützt durch ein homöopathisches Konstitutionsmittel, das mir die Kraft gab, in der Vergangenheit zu graben, und mir den Mut schenkte, über alles reden zu können.
 
Am Ende des Tunnels ist immer ein Licht

Das Vertrauen, das in der Kindheit zerstört worden war, konnte wieder aufgebaut werden.
Die Vergewaltigung durch eine Fremden war in meinem Gedächtnis immer gespeichert gewesen, aber ich habe nie etwas laut werden lassen. Doch während der Therapie begann ich, mein Schweigen zu brechen, zunächst aber nur meinem Arzt gegenüber. Und so kam mir der sexuelle Missbrauch in meiner Kindheit, der tatsächlich in die Vergessenheit geraten war, durch die Gespräche auch immer mehr zu Bewusstsein. Ja, die Wahrheit drückt sich durch wie ein Pflanze, und man merkt plötzlich, wie man sich zu ihr bekennen muss und auch kann!

Ich habe mich mit all dem auseinandergesetzt, konnte Stein für Stein meines Puzzels zusammenfügen, von dem einige Steine lange Zeit als verschwunden galten. Zwar gefiel mir das fertige Bild nicht, und es hat eine wahnsinnige Kraft gekostet, all das Hervorgeholte an der Oberfläche zu halten, es bewusst noch einmal zu erleben, aber ich merkte im Laufe der Jahre, dass ein “immer-wieder-drüber-Reden” es mir von Mal zu Mal einfacher machte. Anfangs habe ich allerdings meine Gedanken lieber schriftlich festgehalten, bis irgendwann der Zeitpunkt gekommen war, sie laut werden zu lassen. Durch meine Freundin Susi, ebenfalls Betroffene, hatte ich die Möglichkeit, auch zu anderen Betroffenen Kontakt aufzunehmen, und ich stellte fest, dass es plötzlich ganz einfach war, zu reden, dass man verstanden wurde, ohne Fragezeichen über dem Kopf meines Gegenübers. Auch bei Ulrike Dierkes, ebenso Betroffene und gleichzeitig Vorsitzende von MELINA e.V., fühlte ich mich verstanden und gut aufgehoben, wenn sie mir mal wieder mit einem Rat zur Seite stand. Und das hat sich bis heute nicht geändert.
Und da ich so immer mehr Selbstvertrauen aufbauen konnte, weil ich nicht mehr das Gefühl hatte, allein zu sein, sondern mich nun als Teil der Gemeinschaft wusste, kam irgendwann der Punkt, an dem ich auch meine Familie mit meiner Geschichte konfrontieren konnte. Und auch hier bekam ich Rückendeckung und Verständnis entgegen gebracht, weil ich offen zu meiner Geschichte stehen konnte. Schließlich war ich sogar fähig und bereit, die Vergangenheit als “passiert” und zu meinem Leben dazugehörig zu akzeptieren.